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Die Chronik - Tradition verpflichtet

350 Jahre Eutiner Schützengilde

Vergangenes bewahren - Gegenwart erleben - Zukunft gestalten

Immer am zweiten Wochenende im Juli marschieren uniformierte Männer von Marschmusik begleitet durch die Stadt. Die Eutiner Schützenbrüder sind fröhlich und tragen rote Rosen an ihren oft reichlich von Orden besetzen Schützenröcken. Wer ein Gewehr schultert, der hat den Lauf friedlich mit einer roten Rose verziert. Die Offiziere und Vorsteher tragen Degen. Sie treffen sich zum Richten der Vogelstange auf Dechantshorst oder zum Königsfrühstück, lassen sich im Rathaus empfangen und feiern ausgelassen ihren neuen König, den sie voller Überzeugung „Majestät" rufen. „Majestät" hat zielsicher am Montag den letzten Schuss aus seinem Vorderlader auf den hölzernen Vogel auf Dechantshorst abgegeben.

Die Schützen eint, dass sie oft gar keine zielsicheren Schützen sind. Die Eutiner Gildebrüder lieben und leben die Gemeinschaft, die Einigkeit, die Fröhlichkeit, die Freundschaft und eben das gesellige Vergnügen. Ellenbogen setzen sie nicht ein. „Seid fröhlich" lautet ihr Motto. Sie sind einst aus einer Notgemeinschaft heraus entstanden und respektieren sich gegenseitig, sind stets füreinander da - egal, ob ihre Fähigkeiten und Erfahrungen nun mehr im Mittelständischen Handwerk oder eher im Technischen liegen, in der Dienstleistung oder in der Bürokratie der Behörden. Die Gemeinschaft der Eutiner Schützen lebt davon, dass sich jeder aktiv einbringt und im Rahmen seiner Möglichkeiten Aufgaben und Verantwortung übernimmt. So leben die Schützen ihre Tradition. Doch hat diese Tradition noch eine Zukunft?

Wir schreiben das Jahr 2018, die Schützengilde wird 350 Jahre alt -die Stadtwerke Eutin versorgen die Stadt und ihr Umland mit Strom und Glasfaser für schnelles Internet. Computer erleichtern in Betrieben aber auch zu Hause die Arbeit. Fast jeder hat ein Handy, viele nutzen das Smartphone. Die digitale Welt hält Einzug und die Eutiner Stadtvertreter arbeiten fast papierlos mit Tabletts. Die Autos fahren immer noch mit Kraftstoff und nur ganz wenige mit Strom. Die Menschen wollen die Atomkraftwerke lieber heute als morgen abschalten, aber massenhaft Windmühlen wollen sie auch nicht in der Landschaft vor ihrer Haustür haben. Man hat den Eindruck, die Zeit rast im Wettkampf mit immer schneller werdenden Computern und immer größer werdenden Festplatten nur so an uns vorbei.

 

Michael Kuhr, Autor des Buches

Und dann ist da der traditionsreiche Schützenverein, eine Bruderschaft, die ihre Wurzeln im christlichen Glauben hat und christliche Werte wie gegenseitige Solidarität lebt. Gegenseitige Achtung ist seit einigen Jahrhunderten der Maßstab des Gil­delebens. Schützenvereine sind ursprünglich soziale Notgemeinschaften. Im Mittelalter waren sie mit der Verteidigung der Städte beauftragt. Und heute? Und morgen? Wie lange wird auf Dechantshorst noch mit donnernden Büchsen auf den hölzer­nen Papagoy geschossen? Steht dort in zehn oder zwanzig Jahren vielleicht ein digitales Schießkino mit Schussgeräuschen aus Lautsprechern? Oder hat der demografische Wandel bereits dafür gesorgt, dass Frauen nachhaltig fest in die Reihen der Gildemitglieder gehören und das Tanzen mehr denn das Schießen im Mittelpunkt steht - etwa eine gleichberechtigte Partizipation? Auch eine veränderte Arbeitswelt trägt wohl erheblich dazu bei, dass sich Menschen nicht mehr nach Feierabend engagie­ren wollen.

Ja, alles scheint im Spagat zwischen Tradition und Moderne im beginnenden digitalen Zeitalter denkbar. So mag der 350. Geburtstag der Eutiner Schützengilde Anlass zur Aufbruchstimmung und Neuorientierung sein. Möge sich die Gilde spiegeln, dabei selbstkritisch betrachten und so eine Perspektive für die Zukunft entwickeln. Es geht um Visionen, den Zeitgeist, gesellschaftliche aber auch gesetzliche Rahmenbedingungen und das liebe Geld. Nein, die Vermittlung von Werten darf nie dem Spaßfaktor weichen. Die Gesellschaft braucht Halt und Orientierung, die Wertschätzung unterschiedlicher Lebenserfahrungen, Verantwortung gegenüber der Umwelt, Ehrlichkeit, Disziplin und Verlässlichkeit.

Das alles steht nicht im Widerspruch offen für junge Gedanken zu sein. Die Gilde sollte den Mut haben, jungen Menschen zu zeigen, wie Gemeinschaft funktioniert. Die Mitglieder sollten qualifiziert an die Schützengilde gebunden werden. Darüber könnten auch neue Mitglieder gewonnen werden. Die Eutiner Schützengilde sollte Wert auf eine positive Darstellung in der Öffentlichkeit legen und die Vereinsarbeit qualifiziert stärken. Ganz wichtig: Nur, wenn die Frauen noch enger an die Abläufe bei den Schützen rücken, wird die Eutiner Schützengilde eine gute Zukunft haben.

Gilden und Schützenvereine überstanden Kriege aber auch Hunger und Krisenzeiten. Sie sind dem sozialen Miteinander verbunden. Dabei hat der Glaube an die Grundwerte und an das Miteinander die Zeit überdauert. Die Schützengilde Eutin übernimmt voller Verantwortung wichtige soziale Aufgaben in der modernen Gesellschaft. Und damit das auch so bleibt, begegnet man sich einander voller Respekt - ein Garant für den Fortbestand der Gilde auch noch in 50 Jahren und die Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag.